13.2|Dresden-Neustadt|Licht aus!

Licht aus! - 13. Februar ab 10:00 Dresden-Neustadt

Für alle, die am 13. Februar dem bürgerlichen Geschichtsrevisionismus in Dresden eine klare Absage erteilen wollen, wird es eine Kundgebung unter dem Motto „Gegen jeden Geschichtsrevisionismus“ am Sonntag, den 13.02. ab 10:00 in der Dresdner Neustadt (Bautzner Straße/Alaunstraße) geben. Gerade im Kontext des Jahrestages der Bombardierung Dresdens kann nur gefordert werden „Licht aus!“ für den Spirit Of Dresden:

Am 13. Februar 2011 werden sich an verschiedenen Orten in Dresden Geschichtsrevisionisten versammeln, Nazis aber auch „ehrbare Bürger“, um an die Opfer der alliierten Bombardierung zu erinnern und ihre „Trauer“ zu zelebrieren. Bürgerliches Gedenken und Nazitrauermärsche sind nicht dasselbe. Sie unterscheiden sich in ihren Motiven, in ihren Worten und Taten. Aber gleichsam verdrehen sie die Geschichte. Wir rufen dazu auf, sich am 13. Februar jedem Geschichtsrevisionismus entgegenzustellen.

Die „Trauermärsche“

Den Anfang der Nazi-Trauermärsche machte 1998 ein Grüppchen von 30-40 Nazis, die versuchten am 13. Februar zur Frauenkirche zu gelangen. Ab dem Jahr 2000 wurden von der „Jungen Landsmannschaft Ostpreußen“ (JLO) der Trauermarsch angemeldet, welcher zunächst 500 Nazis mobilisierte. Bis 2004 stiegen die Teilnehmer_innenzahlen auf über 2000.
2005, zum 60. Jahrestag der Bombardierung Dresdens, stieg die NPD als politischer Akteur mit ein. Mit 6500 Nazis wuchs der Trauermarsch zu einem der größten faschistischen Demonstrationen europaweit und etablierte sich endgültig als fester Termin in den Kalendern der Naziszene. Mit Ausnahme von 2007, wo an einem Wochentag „nur“ 1500 Nazis zur Teilnahme zu bewegen waren, blieb die Mobilisierungskraft der Nazis in etwa jedes Jahr konstant bestehen. 2010 konnten bis zu 5000 Nazis auf Grund von Blockaden und anderen Gegenaktivitäten sowie dem Unwillen der Polizeikräfte, den Aufmarsch rechtmäßig durchzuprügeln, nicht ihren Startpunkt am Bahnhof Dresden Neustadt verlassen. Zuvor sind jedoch mehrere tausend Nazis von der Polizei unbehelligt u.a. durch das Hechtviertel zu ihrer Auftaktkundgebung marschiert, wobei es teils zu heftigen Auseinandersetzungen mit Antifas kam.
Wer sich ernsthaft mit der Gedenkkultur und dem Dresdner Opfermythos auseinandersetzt, wird sich schnell die Frage stellen, warum erst seit 1998 faschistische Aktivitäten rund ums Gedenken am 13. Februar zu verzeichnen sind. Schließlich wurde bereits 1990 David Irving, britischer Geschichtsrevisionist und Holocaustleugner, von 500 Dresdner_innen bei einer Saalveranstaltung für seine historischen Falschangaben gefeiert. Dies geschah zu einer Zeit, als er bereits enge Kontakte zu Nazikadern wie Michael Kühnen, Bela Ewald Althans und Christian Worch pflegte und in Gerhard Freys National-Zeitung regelmäßig publizierte. Eine Antwort auf diese Frage können wir nicht liefern. Diese späte Mobilisierung kam dafür jedoch um so kräftiger in Fahrt. Hierfür gibt es im Wesentlichen zwei Gründe: zum einen etablierte sich im gleichen Zeitraum in Sachsen die NPD als konstante, gut organisierte, politische und parlamentarische Kraft, was ein offensiveres Auftreten faschistischen Gedankenguts in der Bevölkerung Sachsens beförderte, zum anderen ist es der Opferdiskurs Dresdens. Jener „Mythos Dresden“, der sich im Wesentlichen aus der Goebbelspropaganda speiste, die kurz nach der Bombardierung Dresdens die Stadt zum Fanal stilisierte, prägt bis heute entscheidend die historische Wahrnehmung. Jenes propagandistische Fanal rief in den letzten Jahren die Dresdner Zivilgesellschaft und die Nazis gleichermaßen auf den Plan, wenn auch mit unterschiedlichen Beweggründen und politischen Schlussfolgerungen.

Das „Gedenken“
Die Überschneidung zwischen dem „bürgerlichen“ Gedenken und dem Trauermarsch der Nazis ist das Opfersein. Während die Nazis unverhohlen Opfer- und Täterschaft verdrehen, zelebriert die bürgerliche Öffentlichkeit ihre Selbstwahrnehmung, im Nationalsozialismus Opfer und Täter zugleich gewesen zu sein. So steht auf dem Heidefriedhof, wo das offizielle Gedenken mit ausländischen Repräsentant_innen stattfindet, die Stele Dresdens gleichberechtigt neben Stelen für z.B. Auschwitz, Bergen-Belsen, Lidice und Warschau. Die Erinnerung an die Bombardierung wird instrumentalisiert, um das Opfer/Tätergefüge wenn nicht umzudrehen, wie es die Nazis offen tun, so doch zu verschieben. Das Dresdner Gedenken ist damit ein wichtiger Baustein im Normalisierungsdiskurs der Berliner Republik. Deutschland als „geläuterte Nation“ soll endgültig den Platz in der Staatengemeinschaft erhalten, der ihm zustehe. Das geläuterte nationale „Wir“ Deutschlands darf wieder Teil der kapitalistischen Weltpolizei sein, während es sich „schuldbewusst“ als Opfer der eigenen Vergangenheit abfeiert. Die kollektive Trauer in Dresden ist letztlich eine nationalistische Veranstaltung, wie oft dabei auch die Worte „Versöhnung“ und „Friede“ fallen mögen.
Was den Opferdiskurs trotz Eingeständnis deutscher Kriegsschuld und deutscher Kriegsverbrechen in seinem Kern ausmacht, ist die Überhöhung des Leids der Dresdner Bevölkerung stellvertretend für Deutschland. Vor dem „Bombenangriff der Superlative“ scheint im Moment der Trauerveranstaltungen alles andere zurückzutreten und das „Deutsche Opfer“ steht gereinigt für sich allein.
Die Skulptur „Trauerndes Mädchen am Tränenmeer“ auf dem Dresdner Heidefriedhof, welche zusätzlich an die Opfer der Bombardierung am 13.-14.02.1945 erinnern soll, drückt dies treffend aus: Das unschuldige Mädchen (die unschuldige Stadt) wäscht legitimiert durch ihre Unschuld mit einem Meer von Tränen Deutschland rein. Die Skulptur steht schlichtweg vor einem Waschtrog!
Dienste leistet diesem geläuterten Dresden auch die momentan allgegenwärtige Extremismustheorie. So stehen dem Bild der geläuterten und gereinigten Nation die Nazis mit ihrem Beharren auf der reinen Opferrolle Deutschlands im 2.Weltkrieg im Wege. Als ebenfalls störend wird da auch die Intervention antifaschistischer Gruppen empfunden, insbesondere wenn sie den Pfad der friedlichen Blockadegemeinschaft verlassen und sich nicht mit passivem Widerstand gegen Nazis und bürgerlichem Gedenken begnügen. Zwischen alledem steht das „gute Deutschland“ in Form der Menschenkette, welche die arme Stadt Dresden gegen rechte und linke Krawallmacher abschirmen und ein ansehnliches Gedenken ermöglichen will. Die Stadt also dank Hufeisendenken erneut ein Opfer.

Dies ist kein Grund, das Treiben der Nazis zu ignorieren. Ihr „Trauermarsch“ in Dresden ist jedoch nicht ohne die Anknüpfungsmöglichkeiten an das kollektive Gedenken der Dresdner Öffentlichkeit zu denken. Beides gehört für antifaschistisch denkende und handelnde Menschen gleichermaßen auf die Agenda.

Was tun?
Machen wir uns nichts vor: der Widerstand gegen die Veranstaltungen der Nazis und Aktionen gegen den Nationalismus der Demokraten werden nichts zum Guten wenden. Wie auch? Wir werden an diesem Tag nicht am Alltagsrassismus, an Nationalismus und am Antisemitismus rütteln. Wir werden einer befreiten Gesellschaft damit kein Stück näher kommen.
All das wären Gründe, zu Hause zu bleiben und sich angenehmeren Verrichtungen zu widmen. Aber dem großen „Falschen“, in dem wir leben und das uns prägt, muss durch offensive Kritik Freiraum abgerungen werden, Freiraum andere Verhältnisse zu denken und danach zu handeln. In Dresden können wir zumindest einigen Widerlichkeiten deutscher Normalität aktiv begegnen.

Deswegen werden wir am 13. Februar 2011 – in offener Feindschaft zu deutscher Ideologie und kapitalistischen Normalvollzug – alles daran setzen, das Treiben der Geschichtsrevisionisten zu unterbinden. Wir werden das Trauerkollektiv auslachen und Gedenkrituale stören, wir werden versuchen, den Nazis zu schaden, wo es geht. Weil wir es können.

Licht aus! Destroy the spirit of Dresden!
Gegen jeden Geschichtsrevisionismus – kein Friede mit Deutschland





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