Zschopau, 9.11.2009: Ausstellung „Kleine und große Helden im Raum Zschopau – Einsatz für Demokratie und Freiheit

Zum falschen Gedenken an den Mauerfall 1989

Das Jahr 2009 stellt ein Jahr deutscher Jubiläen dar, darunter der 60. „Geburtstag“ der Bundesrepublik sowie die deutsche Wiedervereinigung vor 20 Jahren. Aus diesem Anlass finden zahlreiche Feierlichkeiten statt: so auch am 9. November 2009 in Zschopau.

Im Schloss Wildeck wird vom Gymnasium Zschopau und dem CDU – Abgeordneten im Landtag Prof. Dr. Günther Schneider zur „Feierstunde“1 zum „Gedenken an die friedliche Revolution“2 aufgerufen.(Der Umstand, dass sich am 9.11.1938 auch die Reichsprogromnacht jährt, findet keinerlei Erwähnung.) Dabei werden SchülerInnenarbeiten, die durch die Beleuchtung verschiedener Schicksale von Menschen, die sich gegen das System der DDR auflehnten, indirekt Kritik am Realsozialismus der DDR üben, zu einem Zweck instrumentalisiert, der einen positiven Bezug zu Deutschland schaffen soll. Hierbei ist zu sagen, dass eine Kritik am real existierenden Sozialismus, dem mit dem theoretischen Sozialismus sehr wenig bis gar nichts verbindet, in jedem Fall gerechtfertigt ist, solang dadurch die BRD nicht beschönigt und die historischen Geschehnisse nicht relativiert werden.

In folgenden Abschnitten werden verschiedene Aspekte des „Grußwort aus Anlass der Ausstellung „Kleine und große Helden im Raum Zschopau [–] Einsatz für Demokratie und Freiheit“3 von Prof. Dr. Schneider herausgegriffen und zu einer Kritik an den Feierlichkeiten verwendet.

Zum Mythos der „friedlichen Revolution“

Schon bei der Charakterisierung der vermeintlichen Revolution mit dem Adjektiv „friedlich“, tritt eine falsche Darstellung der Umstände ein, denn auch bei den Geschehnissen 1989 gab es gewalttätige Auseinandersetzungen, wie beispielsweise in Dresden4. Die Verzerrung der Erreignisse fährt mit der Bezeichnung einer „Revolution“ fort. Im Grußwort von Prof. Dr. Schneider heißt es: „Die deutsche Einheit ist kein zufälliges Ereignis. Sie geht auf den Mut, die Entschlossenheit und nicht zuletzt auf Zivilcourage Einzelner zurück: Vor allem den mutigen Demonstranten von 1989 ist letztlich die Vereinigung unseres Vaterlandes zu verdanken.“5 Diese Deutung verkennt die wahren Ursachen des Zusammenbruchs der DDR, sowie die hauptsächlichen Beweggründe eines Großteils der Bevölkerung völlig. Es erfolgt eine Ausblendung der politischen und wirtschaftlichen Lage des gesamten Ostblocks bzw. der DDR. Die damaligen Begebenheiten sind gekennzeichnet durch eine Loslösung zahlreicher Staaten von der Sowjetunion im Zuge der Perestroika und Glasnost6 , die zusätzlich zur Massenflucht aus dem ehemals sowjetisch besetzen Teil Deutschlands und der wirtschaftlich verfahrenen Lage zu einer Schwächung des Ostblocks und somit auch der DDR führten.

Weiterhin ging es der Bevölkerung kaum um eine Wiedervereinigung allein, sondern eher um eine uneingeschränkte Konsum- und Reisefreiheit.

Auch die Übernahme der Wirtschafts- bzw. Staatsform der BRD ist weder ein maßgebliches Ziel der demonstrierenden Bevölkerung, noch ein Indiz einer stattfindenden Revolution gewesen,denn dieser Begriff beschreibt die Schaffung grundsätzlich neuer Verhältnisse und die Herbeiführung eines „politischen Neuanfang[s]“ um etwas „radikal Neues“7 hervorzubringen.

Deutschland nach der Wende – ein (Alp)traum?!

Durch die Auflösung der DDR verschwand die letzte sichtbare Konsequenz aus der deutschen Schuld an Shoa und Vernichtungskrieg. Somit war die Möglichkeit gegeben die Vergangenheit hinter sich zu lassen und in eine nationalistische Euphorie zu verfallen.

Durch verstärkte Diskriminierung und rassistische Gewalt, die sich z.B. durch brutale Angriffe auf Asylbewerberheime in Rostock-Lichtenhagen und Hoyerswerda äußerte und außenpolitische sowie militärische Bestrebungen8 , welche keinerlei Rücksicht auf die Verbrechen der Deutschen in der Vergangenheit nahmen, wurde seitens linker Kritiker vor der Entstehung eines 4. Reiches gewarnt. Diese Angst begründete sich nicht zuletzt aus der Gleichgültigkeit, oft sogar dem Zuspruch der deutschen Bevölkerung der gerade genannten nationalistischen, rassistischen und diskriminierenden Entwicklung.

Die Folgenlosigkeit gegenüber der deutschen Geschichte, die nun in der BRD zu Tage trat, zeigt dass selbst Shoa und Vernichtungskrieg nicht zu einer langwierigen Konsequenz für das Land der TäterInnen führt.

Die Freiheit in der BRD, die im Zusammenhang mit dem Mauerfall so oft gerühmt wird, erscheint bei genauerer Betrachtung als ein Trugschluss, denn hier und auch überall anders erzeugt die kapitalistische Produktionsweise,(neben Krisen, Armut und Existenzangst) sich verselbständigende Zwänge, die darin bestehen, sich selbst bestmöglich zu verwerten und so in ständiger Konkurrenz zueinander stehen zu müssen. Der Mensch befindet sich in ständiger Abhängigkeit zu Staat und Kapital und kann unter diesen Umständen nie wirklich frei sein.

Etwas Besseres als Nation, Staat und Kapital

Der „Emanzipatorische Progress Mittleres Erzgebirge“ sieht jeden Schritt in Richtung Feiheit als einen Fortschritt, doch kann und darf die BRD, als kapitalistischer Staat, nicht die letzte Konsequenz im Kampf um eine emanzipatorische Gesellschaft bleiben. Daher fordern wir etwas besseres als Nation, Staat und Kapital.

EmanzipatorischerProgressMittleresErzgebirge – [ http://epme.blogsport.de/ ] / [ epme@riseup.net ]

  1. Flyer der Veranstaltung am 9.11.2009 im Schloss Wildeck Zschopau [zurück]
  2. Flyer der Veranstaltung am 9.11.2009 im Schloss Wildeck Zschopau [zurück]
  3. Flyer der Veranstaltung am 9.11.2009 im Schloss Wildeck Zschopau [zurück]
  4. http://www.friedlicherevolution.de/index.php?id=49&tx_comarevolution_pi4[contribid]=443 [zurück]
  5. Flyer der Veranstaltung am 9.11.2009 im Schloss Wildeck Zschopau [zurück]
  6. Perestroika: Prozess zum Umbau und zur Modernisierung des gesellschaftlichen, politischen und wirtschaftlichen Systems der Sowjetunion. Glasnost (wörtlich: Offenheit) Aufhebung der Einschränkungen der Meinungs- und Pressefreiheit, Lockerungen der Parteidirektiven in der Politik der Zentralverwaltungswirtschaft. (www.wikipedia.org) [zurück]
  7. http://www1.bpb.de/popup/popup_lemmata.html?guid=2BO1DD [zurück]
  8. Relativierung der Naziverbrechen; Politik gegenüber Jugoslawien; Bemühung um einen Sitz im Weltsicherheitsrat, militärische Aufrüstung, Legitimation deutscher Auslandseinsätze ( Fetisch und Freiheit, Grigat, ca-ira Verlag 2007 ) [zurück]




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