Zschopau, 3.11.2009: Stolpersteine erinnern an Opfer antisemitischer Verbrechen

Seit gestern (3.November 2009) erinnern in Zschopau drei Stolpersteine an das Schicksal der jüdischen Familie Motulski im Nationalsozialismus. Über 100 BesucherInnen unterstützen die Veranstaltung zur Legung der Steine durch ihre Anwesenheit und wohnten somit dem Kunstprojekt von Gunter Demnig bei.

Die EPME solidarisiert/e sich mit diesem Vorhaben in Form eines Transpis(siehe 2. Bild) und dem nachfolgenden Flugblatt:

Antisemitismus zu Fall bringen

In Gedenken an alle Opfer antisemitischer Verbrechen

“Die Forderung, dass Auschwitz nicht noch einmal sei, ist die
allererste an Erziehung. Sie geht so sehr jeglicher anderen voran, dass
ich weder glaube, sie begründen zu müssen noch zu sollen.”1

Die tragische Geschichte der Motulskis

Die jüdische Familie Motulski besitzt ein Konfektionsgeschäft auf der Lange Straße in Zschopau, welches 1938 in der „Reichskristallnacht“ demoliert wird. Verstärkt durch einen von der Stadt entsendeten Brief an die Familie, der praktisch ihre Enteignung bedeutet, werden die Motulskis zum Verlassen der Stadt gezwungen.
Auch andere jüdische Unternehmen aus Zschopau und Umgebung, wie „Messerschmitt und Co.“ oder „Mafrasa“ erfahren in der Folgezeit ein ähnliches Schicksal, indem sie zur Aufgabe ihrer Geschäfte und Fabriken gezwungen werden.
Mutter Elfriede Motulski, Vater Emil David Motulski und deren vier Kinder sollen also ihre Wohnung räumen und finden daher keine Möglichkeit mehr, in Zschopau wohnen zu bleiben. Einen „Ausweg“ bildet die Unterkunft in einem „Judenhaus“ auf der Zschopauer Straße in Chemnitz.
Doch auch dort kann die Familie nicht lang verweilen und wird getrennt, Emil David Motulski verhaftet und ins KZ Buchenwald deportiert, in dem er wahrscheinlich ums Leben kommt.
Auch seine Frau Elfriede Motulski und den jüngsten Sohn Ludwig bringt mensch über das Warschauer Ghetto nach Belzek, wo beide umgebracht werden.
Drei weitere Kinder der Motulskis, von denen heute noch eines bei Haifa in Israel lebt, überstehen die Shoa, jedoch ohne ihre Eltern und ihren Bruder. 2

In Gedenken an diese und an alle anderen Opfer antisemitischer Verbrechen wird vor dem ehemaligen Wohnhaus der Familie Motulski an der Ecke Neumarkt/Lange Straße in Zschopau ein Stolperstein verlegt.

„Ein Projekt, das die Erinnerung an die Vertreibung und Vernichtung der Juden, der Zigeuner, der politisch Verfolgten, der Homosexuellen, der Zeugen Jehovas und der Euthanasieopfer im Nationalsozialismus lebendig erhält.“3


Einige Aussagen zum Begriff des modernen Antisemitismus

Diese Geschichte der Familie Motulski reiht sich ein, in eine unfassbare Vielzahl antisemitischer Verbrechen, welche in der Zeit des Nationalsozialismus auch regional im Mittleren Erzgebirge permanent stattgefunden haben. Die Regionalität bestätigt sich durch das Vorhandensein dreier Außenlager des KZ Flossenbürg in Venusberg, Willischtal und Zschopau. In diesen Arbeitslagern mussten 1800 jüdische Frauen aus ganz Europa, von denen der KZ – Gedenkstätte Flossenbürg zu folge 52 ums Leben kamen bzw. umgebracht worden sind, Zwangsarbeit verrichten. 4

Jener Antisemitismus, der zu diesem menschenverachtenden Wahn geführt hat, ist weder eine Erfindung der politischen Führung des nationalsozialistischen Regimes , noch ein Einzelfall im menschlichen Denken , sondern vielmehr eine Ideologie, hervorgebracht von den Menschen, die in einer kapitalistischen Warengesellschaft leben, um sich diese und die daraus resultierenden gesellschaftlichen Umstände selbst zu erklären. Diese Denkform bietet gleichzeitig die Möglichkeit, den Hass, entstehend durch die Unzufriedenheit im warenvergesellschafteten Leben(kurz: Kapitalismus), auf ein konkretes Subjekt zu konzentrieren, das in Wahrheit jedoch nicht als Ursache der bedrückenden Zustände gesehen werden darf, sondern diese, wie jede/r Partizipierende eines solchen Systems, gezwungenermaßen nur reproduziert. In diesem Prozess, der die Unbegriffenheit und Unbewusstheit der Ökonomie beweist, werden politische und ökonomische Verhältnisse, die systembedingt und unabdingbar entstehen, personifiziert.
Die Opfer dieser Personifikation sind im Falle des Antisemitismus die Juden/Jüdinnen, denen aus diesem Denkmuster resultierend oft Eigenschaften wie Heimatlosigkeit, Habgier, Parasitismus, Intelligenz, Machthunger, Hinterhältigkeit usw. nachgesagt werden und somit als geheime verschwörerische Macht, die das Schicksal der Gesellschaft bestimmt, als „Ebenbild des Teufels“5 wahrgenommen werden.

Anfang des 20. Jahrhunderts in Deutschland war diese Form des Antisemitismus zwar vorhanden, aber weit von einem organisierten, strukturierten Charakter entfernt. Erst nach 1918 änderte sich diese Eigenschaft und der Antisemitismus wurde zum Zentrum nationalsozialistischer Ideologie intensiviert. Dabei nutzte mensch politische und ökonomische Miseren, wie die Niederlage im Ersten Weltkrieg, Wirtschaftskrisen oder Umbrüche in der Politik aus und machte die Juden/Jüdinnen dafür verantwortlich. Auch der Kampf gegen den russischen Bolschewismus trat im antisemitischen Gewand in Erscheinung. (vgl. Thomas Haury „Zur Logik des bundesdeutschen Antisemitismus“)
Die ab 1933 bestehende NS – Diktatur rückte die antisemitische Weltanschauung in den Mittelpunkt ihrer politischen Zielsetzung, wodurch die Konsequenzen, nämlich der Zweite Weltkrieg und die Vernichtung der Juden/Jüdinnen, welche ein schreckliches, unvergleichliches und einzigartiges Ausmaß annahm, resultierten. Das deutsche Volk trägt hierbei eine Kollektivschuld. Ein Fallbeispiel für diesen menschenverachtenden Prozess ist der weiter oben genannte Fall der Familie Motulski.

Mit dem Untergang des nationalsozialistischen Systems war der Antisemitismus jedoch keineswegs beseitigt, sondern nur gezwungen sich ein neues Erscheinungsbild anzueignen, denn nach Ausschwitz war ein offenes Auftreten dieser Weltanschauung nicht mit ihrem eigenen Fortbestehen vereinbar.
So existieren auch heute noch antisemitische Denkmuster, die ebenso ohne den „bösen Jude“ auskommen und stattdessen andere Feindbilder, wie den „Banker“ oder „die Bonzen“ in ihr schlichtes Gut-und-Böse-Schema projizieren oder zumindest vorerst nicht mit dem „Jude“ in Verbindung gebracht werden müssen, um verkürzte Kritik am ökonomischen System zu üben.

Ob es nun die Verneinung des Existenzrechts des Staates Israel ist, der den Juden/Jüdinnen einen Schutzraum bietet, oder der Wille einen Schlussstrich unter die Erinnerung an die Vergangenheit Deutschlands zu ziehen (nicht zuletzt durch die Zuweisung der Schuld an der Shoa an Einzelpersonen), um endlich wieder ungehindert stolz auf Deutschland sein zu können; … solch antisemitische Emotionen stellen eine immense Gefahr dar, denn auch damals haben ähnliche und zum Teil übereinstimmende Tendenzen zu einer Massenvernichtung von Millionen von unschuldigen Menschen, wie auch Ludwig Motulski und seine Familie welche waren, geführt, deren grausame Einzigartigkeit nicht fassbar ist.

Deswegen fordern wir als „Emanzipatorischer Progress Mittleres Erzgebirge“ die Ablehnung und Bekämpfung eines jeden Antisemitismus.
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EmanzipatorischerProgressMittleresErzgebirge – [ http://epme.blogsport.de/ ] / [ epme@riseup.net ]

  1. Aus „Erziehung nach Auschwitz“ von Theodor W. Adorno [zurück]
  2. http://www.freiepresse.de/NACHRICHTEN/REGIONALES/ERZGEBIRGE/ZSCHOPAU/1463296.html [zurück]
  3. http://www.stolpersteine.com [zurück]
  4. http://www.gedenkstaette-flossenbuerg.de/geschichte/aussenlager/ [zurück]
  5. Adolf Hitler auf einer Rede auf einer NSDAP-Versammlung am 1. Mai 1923 in München im Zirkus Krone [zurück]

4 Antworten auf „Zschopau, 3.11.2009: Stolpersteine erinnern an Opfer antisemitischer Verbrechen“


  1. 1 Carsten Beier 04. November 2009 um 19:35 Uhr

    Als Geschichtsinteressierter Zschopauer bin ich begeister von der Umsetzung dieses Vorhabens. Nur hätte man solln wenigsdens den Namen Motulski richtig schreiben. Grosse Schande bei der Umsetzung einer solchen Sache.

  2. 2 Kommunist 06. November 2009 um 16:53 Uhr

    Wenn Sie so nach Korrektheit schreien, dann überprüfen sie wenigstens auch nocheinmal Ihren Kommentar.

  3. 3 Carsten Beier 07. November 2009 um 22:36 Uhr

    Habe schon gemerkt das da Rechtschreibfehler drin sind , aber leider erst nach Veröffentlichung gesehn. War etwas in Eile und Zorn als ich das geschrieben hab.

  4. 4 Andreas Rückert 26. März 2010 um 22:06 Uhr

    Ja lieber Carsten, schweige lieber Du Blindfisch

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